Von Motta Montecorvino nach Lucera

8 - Von Motta Montecorvino nach Lucera

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Es ist der letzte Tag und ich weiß schon, dass die Stecke nicht sehr anstrengend sein wird. Ein kleiner Abstieg bis "Tavoliere delle Puglie" und dann immer geradeaus auf ganz ebenem Gelände und im ständige Wechsel zwischen Nebenstraßen und Feldwegen bis zur Mitte des Strecke. Da wird Zeit sein, sich umzuschauen und den Gedanken nachzuhängen.

Wenig nach dem Start erscheint von Weitem auf einer Anhöhe der "Teufelssitz" ("Sedia del Diavolo"). Von der Stelle aus wo ich mich befinde sieht das wirklich aus wie ein riesiger Thron. In Wahrheit handelt es sich um ein altes, halb verfallenes Gebäude. Die Trümmer haben die Struktur umgeformt und lassen sie wie einen Sessel erscheinen. Mit der Zeit ist es eine Art Attraktion für die Leute geworden und an schönen Tagen geht man für ein Picknick dorthin.

Ich schaue mich weiter um und entdecke überall Windräder. Schon am Tag vorher habe ich von der Terrasse des Hotels aus dutzende, wenn nicht hunderte von ihnen am Horizont erkennen können. Ich persönlich bin für die Energiegewinnung aus Windkraft, angesichts der Tatsache, dass wir Energie von irgendwo her bekommen müssen und die Nutzung von Wind ist sicher die am wenigsten umweltschädliche Art der Energiegewinnung.

Dennoch, mein Gefühl ist, dass man hier in Apulien übertreibt und die Anlagen aufgebaut werden ohne der Wirkung auf die Landschaft Rechnung zu tragen. Sowas spielt denjenigen in die Hände, die sich gegen den Bau von Windrädern stellen und das ist schade, weil die zur Verfügung stehenden Alternativen sicher nicht besser sind.

Je mehr der Tag voranschreitet, desto mehr wird mir bewusst, dass meine Wanderung endet. Meine Gedanken gehen auf die vergangenen Tage zurück und ich durchlaufe gedanklich noch einmal die Etappen. An diesem Punkt passiert plötzlich etwas, was mir schon so viele Male passiert ist. Es sind knapp acht Tage vergangen, seit ich aufgebrochen bin, aber ich habe das Gefühl, dass ich schon vor einigen Monaten an der Taverna della Zittola vorbeigegangen bin. Die Zeit hat sich gedehnt. Ich habe eine Myriade von Orten, von Gesichtern, von Situationen im Kopf.

Das hängt wohl damit zusammen, dass jeder Tag voll durchlebt wurde und dass die übliche Routine gefehlt hat. Pradoxerweise erinnert
man sich auch an die unangenehmen Momente mit Wehmut. Ich frage mich, ob das auch andere Wanderer so fühlen oder ob das nur mir so geht. Auf jeden Fall sind es acht fantastische Tage gewesen.

Während mich in meinen Fantastereien befinde, taucht einsam mitten im Feld etwas auf, das ich seit Tagen gesucht habe: Ein Markstein der Trift. Damals zeigte er die Grenzen der Trift an und es gab davon sehr viele (einen alle paar Meter). Mittlerweile sind avon nur wenige geblieben. Hauptsächlich die an verborgenen oder wenig zugänglichen Stellen.

Dieser jedoch hat bis in unsere Tage starrsinnig seine Funktion wahrgenommen obwohl er gut sichtbar ist. Später, am Eingang von Lucera,
entdecke ich, dass viele seiner "Brüder" ein unwürdiges Ende gefunden haben: sie werden für die Umfriedungen einiger Grundstücke verwendet. Schade!

Nachdem ich einige Fotos gemacht habe, setze ich meinen Weg fort und entdecke meinen letzten Anstieg, um einen langen, geradlinigen
und von alten Gehöften gesäumten Feldweg zu erreichen, der mich nach Lucera bringt. Ich befinde mich auf einer Hochebene, die das Tafelland beherrscht.

Ich überlege und sinniere hin und her als ich am Horizont Lucera erblicke: also, jetzt geht es wirklich zu Ende! Ich gehe schneller.

Als ich in den Außenbezirken von Lucera ankomme, ist es Zeit der Trift Lebewohl zu sagen: sie läuft nun um die Stadt herum weiter, um sich mit der Trift zu vereinen, die von Celano kommt -- an dieser Stelle kommen mir nun andere Erinnerungen hoch -- während ich nach Lucera hinein muss.

Ich fühle mich etwas deplaziert als ich mit meinem riesigen Rucksack durch die Straßen voller Geschäfte und geschäftiger Leute laufe. Ich erreiche das Bed&Breakfast, ziehe mich um und verwandle mich in einen der vielen: ja, ja, es ist wirklich zu Ende, ich bin in die Zivilisation (Zivilisation?) zurückgekehrt.

 

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Die Strecke des Tages